Jul 122012
 

Ich habe gestern Nacht den Text “Liebe Neupiraten” kritisiert, der überraschenderweise von drei Menschen kam, die ich sehr hoch achte. Eigentlich hatte ich nicht vor, mich dem Pool von Blogbeiträgen über den “Altpiraten-Neupiraten”-Konflikt anzuschließen. Aber viele Reaktionen auf den neuen Beitrag fielen zustimmend aus. Der Konflikt scheint real zu sein, das nehmen sehr viele Wahr. Also schreibe ich jetzt keine direkte Replik auf den Text an sich, sondern versuche, den Konflikt zu analysieren und zu erklären, warum ich die Differenzierung für den komplett falschen Ansatz halte. Es ist nicht der Rant, der mich stört. Es ist die zugrundeliegende Logik.

Der Kern der Debatte besteht darin, dass man eine Gesellschaft gemeinschaftlich formt und Normen setzt. Die Normen werden im Dialog bestimmt und es dauert eine Weile, bis sie fest sind. Dieser Aufgabe hat sich die Piratenpartei seit ihrer Explosion 2009 angenommen. Sie war gerade fertig, als die Berlinwahl und besonders die mediale Aufmerksamkeit danach uns eine neue Mitgliederflut brachten.
Jetzt haben viele der “alten” Angst, dass die festgelegten Normen wieder aufgeweicht werden von denen, die sich nicht daran halten. Dass das Gesicht der Partei sich ändert. Man hat Angst vor Eiferern, die auf Posten wollen und die das Gegenteil von allem wollen, wofür die Piratenpartei steht.

Ich erkläre mal einige Schwierigkeiten in dieser Sicht.

1. Wer ist ein Neupirat?
Eigentlich bin ich Neupirat. Ich bin noch keine drei Jahre bei dieser Partei und das ist eigentlich eine verdammt kurze Zeit. Als ich kam, musste ich mich in die Themen und ins Programm einarbeiten. Vieles erschien mir anfangs seltsam,  aber ich mochte es und jetzt bin ich halbwegs drin. Ab welchem Datum muss man beigetreten sein, um Neupirat zu sein? Nach der Berlin-Wahl? Nach Dezember 2011? Wo ist die Grenze, ab der man sich plötzlich an das Publikum “der Neupiraten” wendet? Das ist eine völlig künstliche Unterscheidung.

2. Es geht nicht um Neupiraten
“Wir haben keinen Platz für Spinner und irrationale Vollidioten” -
Das ist in etwa ein Zitat aus dem oben verlinkten Text und ich kann absolut und 100% verstehen, warum man so fühlt. Ich fühle natürlich genau so. Aber ich muss einsehen, dass es nicht so einfach ist. Denn wer ist denn ein Spinner und irrationaler Vollidiot? Ich würde doch sagen, in erster Linie wir, wenn wir versuchen, völlig neue Ideen in eine Gesellschaft zu werfen. Glaubt ihr nicht, dass genau wir die Spinner sind, die die Altparteien nicht haben wollen? Denn sie haben sich jahrelang den Arsch aufgerissen und sie haben gearbeitet und sie haben Ideale und diese Ideale in diesem Land umgesetzt. Und plötzlich kommen Spinner, die alles ganz anders machen wollen.
So ähnlich steht es doch aber auch über die Leistungen der “Altpiraten” in vielen Texten. Das ist das Ding. Wir, die wir als Neulinge und Chaoten in eine Gesellschaft kommen, müssen doch auch Neulinge und Chaoten vertragen und schauen, was sie uns anzubieten haben.  Außer natürlich, und da bin ich mit den Kritikern völlig d’accord, Menschen, die folgende Punkte nicht teilen:

  •  Jeder Mensch ist gleich, jeder hat dieselben Rechte. Niemand wird aufgrund von irgendetwas diskriminiert.
  •  Wir stehen für ein möglichst frei gestaltbares Leben aller Menschen. Für eine Gesellschaft sind Regeln notwendig, aber minimal zu halten, um niemanden in seiner Entfaltung zu stören.
  •  Wir sind eine Solidargemeinschaft. Die Stärkeren helfen den Schwächeren.
  •  Grundrechte werden geschützt und gestärkt.
  •  Politische Prozesse und Entscheidungen sind jederzeit möglichst offen und transparent zu gestalten und Betroffene und Interessierte so weitgehend wie möglich zu beteiligen.
  •  Wir verstehen uns als eine weltweite Bewegung.

Diese Aufzählung stammt von Stefan @supaheld Schimanowski.
Natürlich sind wir eine Partei und haben bestimmte Grundwerte. Wir werden an diesen Grundwerten festhalten. Aber das hat nichts mit alten oder neuen Piraten zu tun. Erinnert euch bitte, dass wir in dieser Partei schon immer Individuen hatten, die sich par tout nicht mit diesen Werten identifizieren konnten. Eines der längsten Parteiausschlussverfahren unserer Geschichte ist so ein Beispiel. Das ist eine völlig andere Konfliktlinie.

Mich stört an dieser Altpiraten-Neupiraten-Denke die Einstellung: “Wir haben das schon immer so gemacht und wir möchten unter uns bleiben. Kommt nicht, wenn ihr nicht genau so seid, wie wir.” Weil das eine Haltung ist, die wir immer abgelehnt haben.
Ja, teilweise kommen Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zu uns. Dann ist es genau unsere Stärke, mit diesen Menschen zu diskutieren und dialektisch ihre Gedanken entweder im Rahmen unserer Grundwerte zu widerlegen, oder, wenn sie gut sind, aufzunehmen. Denn das ist ebenfalls einer unserer Grundwerte. Wir lehnen Neues nicht ab, wir analysieren es. Wir machen uns Teile davon immer zueigen, das macht uns stark und es hält uns immer neugierig. Und es ist genau das, was wir von der Gesellschaft im Bezug auf uns erwarten.

Ich bitte also alle Piraten, zu analysieren, ob es wirklich Neupiraten sind, die etwas kaputt machen. Oder ob es sich dabei eher um wahrgenommenen Kontrollverlust handelt. Denn der tritt natürlich ein bei den vielen neuen Mitgliedern und er ist unangenehm. Es ist aber trotzdem das, woran wir glauben. Wir können daran nur wachsen.

Also, wenn ihr eintretet, lest euch das Grundsatzprogramm durch, hört euch um und diskutiert. Bildet euch, ehe ihr verändert. Aber bitte lasst uns einander nicht abhängig vom Eintrittsdatum behandeln.