Apr 122012
 

 

Ich habe vor einer Weile mal getwittert:

“Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß- Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen.”

Mit 330 Favs und 350 Retweets ist das seltsamerweise mein bislang beliebtester Tweet. Wenn etwas so beliebt ist, muss es irgend einen Kern getroffen haben. Auf meinem Blog auf FAZ.net habe ich diesen Gedanken in einem Artikel ausformuliert und dabei eine zu starke Fixierung auf Kategorien und Regeln in einer Gesellschaft kritisiert.

 

Ein davon völlig unabhängiges Phänomen, das mit dem Beginn dieses Artikels gar nichts zu tun hat, ist die Berichtertattung über die Piratenpartei in den Medien, die wahrhaft zu einem Hype ausgewachsen ist. Der Postillon war so freundlich, alle Artikel über die Piratenpartei zusammen zu fassen.
Auffällig ist, dass viele Zeitungen, Fernsehsendungen, Politologen und andere Parteien nicht so recht wissen, was sie mit den Piraten anfangen sollen. Wo kommen sie her? Wo gehen sie hin? Das Rätsel des Erfolgs dieser Randsplitterpartei ist Zeichen des bisherigen Jahres 2012. Gleichzeitig bemühen wir Piraten uns ebenfalls, uns mitzuteilen, uns zu erklären. Aber irgendwie kommt das nicht zusammen. Was wir sagen wollen, kommt nicht an die Öffentlichkeit und was in der Öffentlichkeit über uns gesagt wird, ist oft schlicht nicht wahr. Zum Beispiel wollen wir das Urheberrecht nicht abschaffen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Frage, der ich gerade nachgehe, ist: Wie kommt es, dass es an einem Ende verwunderte Menschen gibt, die Fragen haben, und auf der anderen Seite Menschen, die gern antworten würden, und es kommt dennoch nicht zusammen?
Ich komme zu dem Schluss, dass die Information, die wir geben,  aus Gründen nicht angenommen wird, die ich später erkläre. Auf der anderen Seite werden uns einfach nicht die richtigen Fragen gestellt.

Um es genauer zu sagen: Alle Fragen, die uns gestellt werden, zielen darauf ab, uns in eine Kategorie zu stecken. In eine Schublade, die der Politikbetrieb gewohnt ist. Sind wir eine Volkspartei oder eine Protestpartei? Sind wir links oder rechts? Sind wir die neue FDP oder die neue LINKE?
Wenn wir daherkommen und auf diese Fragen antworten: Wissen Sie, das sind keine Kategorien, in denen wir denken. Wir haben da andere Kategorien und haben dieses neuartige Programm geschaffen, stutzt man und fragt weiter.

So werden wir Vorstände häufig gefragt: “Wie stehen Sie zu Afganistan?” Ich antworte dann meistens: “Wissen Sie, wir haben im Moment eine rege Diskussion intern. Im Moment erscheint mir die Haltung der Partei insgesamt interventionskritisch, aber wir haben noch nichts abgestimmt, daher kann ich an dieser Stelle keine offizielle Position nennen.” “Ja, aber Sie haben doch eine Meinung dazu?”, haken sie nach. Und ich sage: “Ja, ich habe eine persönliche Meinung. Aber die spielt in unserer Partei keine Rolle und ich würde unsere Wähler nicht schlauer machen, wenn ich sie veräußere. Ich habe nämlich auch nur eine Stimme. Ich glaube daran, dass viele gemeinsam bessere Positionen erarbeiten, als einige Wenige.” “Aha, aha”, nickt der Journalist dann und macht Notizen. Ich fahre fort: “Darum nehmen wir uns initial Zeit, ein gutes und fundiertes Programm zu erarbeiten, bei dem jedes unserer Mitglieder mitsprechen kann, anstatt Vorstände entscheiden zu lassen.” “Aha, aha…” “Ja, dafür eignet sich ganz gut unser Tool Liquid Feedback….” “Ok, aber wie steht denn Herr Nerz zum Afganistan-Einsatz?”
Das sind die Momente, in denen ich begreife, dass man mir kein Stück zugehört hat. Das eigentlich Revolutionäre, das wir machen, das wir ausprobieren – Partizipation, die Entwicklung komplexer Lösungen für komplexe Probleme, deren Rezept wir in Zukunft so oft brauchen werden – das wird übergangen. Man möchte in den üblichen Rahmen berichten.

Man stellt uns die Fragen, die man den Grünen vor 30 Jahren gestellt hat, und erwartet von uns Antworten darauf. Die Frauenfrage? Frieden? Wie ist denn das alles? Man stellt uns Fragen, mit denen sich die gegenwärtige Regierung rumschlagen muss, und auf die sie selbst keine Antworten kennt: Euro-Krise – was tun? Und weil wir auf diese Fragen keine Antworten haben, titelt man dann auch so: Piraten haben keine Antworten. Piraten haben kein Programm.
Es ist aber auch so, dass niemand uns nach dem fragt, womit wir uns beschäftigt haben: Die Fragen der Zukunft.
Viele unserer Güter sind verlustfrei kopierbar geworden. Wie können wir als Gesellschaft damit umgehen und dabei Künstler weiterhin entlohnen? Welche Möglichkeiten bietet das Internet für Transparenz und Partizipation? Was ist in Zeiten von Facebook öffentlich, was privat? Wie kann unsere Wirtschaft funktionieren, wenn es nicht mehr Arbeit für jeden gibt, weil wir so viel automatisiert haben? Wie sieht eine Familie jenseits des klassischen Familienbildes aus? Was muss ein Kind an der Schule heutzutage lernen; und wie?

All das sind Fragen, auf die wir Antworten haben oder erarbeiten. Mit denen wir uns jedenfalls beschäftigen und in denen wir über Expertise verfügen. Aber es sind bisher keine relevanten Fragen der Berichterstattung, also werden sie kaum erwähnt.

Im Prinzip ist das wie bei dem Bild mit den Containern oben. Auf einem Container könnte Links stehen, auf einem Rechts und auf einem Neoliberal. Und wir Piraten sind drei blaue Flaschen, die daneben stehen und über die sich jeder wundert: Was ist das denn? Wo kommen die her? Wo schmeiße ich die denn jetzt rein?

Aber wir sind eben keine weißen, grünen oder braunen Flaschen. Wir sind blaue Flaschen. Wir sind neu. Vielleicht kann man das Bild erweitern? Oder vielleicht kommen wir sogar einst ohne Container aus und machen hübsche Buntglasfenster zusammen?

Dieser Artikel ist übrigens kein “Mimimi die Medien berichten so schlecht über uns”-Artikel. Die Medien berichten gerade klasse über uns und viel. Ich möchte von meiner Seite das gegenseitige Verständnis vertiefen und Erklärungen anbieten. Dialog wird uns alle retten.