Mrz 082012
 

Heute ist Frauentag. Bei uns in der Sovietunion war der 8. März einer der höchsten Feiertage im Jahr. Jedes Mädchen, jede Frau bekam Blumen, Gratulation, wurde mit besonderer Ehrerbietung behandelt. Einfach, weil sie da war. Einfach aus Dankbarkeit für alles, was Frauen für die Gesellschaft leisten.
Hier in Deutschland steht der Tag im Namen des Kampfes für die Gleichberechtigung der Frau. Es geht darum, dass wir noch immer soziale Ungleichheiten haben, dass noch immer die Biologie zwischen den Beinen zu oft über Erfolg und Misserfolg, über Respekt und Verniedlichung entscheidet.
Und in mir vermischt sich alles.

Können Frauen und Männer dasselbe? Ich glaube, darüber müssen wir uns nicht streiten. Natürlich haben Männer und Frauen für eine Gesellschaft das gleiche Potential. Trotzdem werden unsere Jungen und Mädchen noch immer unterschiedlich erzogen. Und zwar nicht aufgrund ihrer Vorlieben, sondern aufgrund ihres Geschlechts. Ich sehe dir zwischen die Beine und finde es lächerlich und peinlich, wenn du mit einer Puppe spielst. Sozial sein, mütterlich kümmern, das ist etwas für Mädchen. Technik und bauen und Autos, das ist für Jungen. Und dann geht ein überraschter Aufschrei durch die Gesellschaft, wenn man feststellt, dass im Informatikstudium nur 10% der Studenten weiblich sind, im Psychologiestudium hingegen 90%. Fakt ist, dass wir bei Männern und Frauen gleichermaßen Potential töten. Zumindest darin sind wir schonmal gleichberechtigt. Bei Jungen wird das Potential der Fürsorge, der Sanftheit und des Verständnisses unterdrückt, bei Mädchen das Potential der kühlen Analyse, des lauten Sprechens und des aktiven Veränderns.
Und warum? Wegen ein paar gesellschaftlichen Rollenverteilungen, die vor einigen Hundert Jahren vielleicht mal notwendig gewesen waren. Gerade heute, am Frauentag, müssen wir aktiv über Kindererziehung sprechen. Wenn wir unseren Kindern erlauben, das zu sein, was sie gern sein wollen, brauchen wir vielleicht in 20, 30 Jahren keinen solchen Tag mehr. Vielleicht können sich dann einfach alle Menschen mit Blumen beschenken, alle gegenseitig, einfach aus Dankbarkeit.

Was ist aber mit dieser, mit der jetzt erwachsenen Generation? Müssen wir einfach alt werden und sterben, Platz machen? Oder müssen wir uns Kleinkriegen über Gendering und Gender Gap und Hosen verlieren?
Liebe Frauen und Mädchen, ausnahmsweise richte ich mich mal an ein biologisches Geschlecht.
Streitet euch nicht über das, wie man als Frau zu sein hat. (Kritisiert zum Beispiel nicht, dass ich im letzten Satz “man” geschrieben habe.) Tragt Hosen, wenn ihr Hosen mögt. Tragt Röcke und Rüschen, wenn ihr das mögt. Fühlt euch schön, oder fühlt euch draufgängerisch, schminkt euch, oder wascht euch nicht, macht alles gleichzeitig. Lasst euch die Tür aufhalten, oder geht einfach hindurch, oder haltet sie selbst jemandem auf. Schlaft mit Männern oder mit Frauen, oder mit beiden gleichzeitig. Seid glücklich. Aber schaut um euch herum. Menschen haben dort Probleme, es ist noch viel zu basteln an der Welt. Verändert sie! Egal, in welchem Bereich. Wo auch immer ihr euch kompetent fühlt, oder wo ihr gern kompetent wäret. Tut, was ihr könnt, und lernt, was ihr nicht könnt. Stürmt die Politik und beharrt darauf, dass euer Geschlecht dort nicht von Belang ist. Sprecht laut, wenn ihr gehört werden wollt. Hört zu, wenn ihr zuhören wollt. Aber lernt und tauscht euch aus. Es ist möglich, eine Gesellschaft zu formen. Es ist möglich, Frieden zu stiften. Es ist möglich, anderen zu helfen. Und das betrifft alle Menschen, aber ich erzähle es euch, weil die Männer schon seit hunderten von Jahren damit angesprochen werden.

Mein Geschlecht spielt eine so starke Rolle, wie ich es selbst will. Im Bett eine große, in der Politik gar keine. Ich werde Kleider tragen und mit meinen Stöckelschuhen fest auftreten, wenn ich meinen Punkt machen will. Und eine andere wird Jeans tragen und es wird für uns beide okay sein, weil keine sich verkleidet, weil beide sich wohl fühlen. Und egal, was wir tragen, wir werden das gleiche Recht haben, ernst genommen zu werden.

Denn das Geschlecht spielt keine Rolle, wenn man die Welt verändert.