Dez 172011
 

Das Jahr 2011 war für mich das vielleicht aufregendste Jahr meines Lebens. Ich habe nicht nur in politischer Hinsicht viel gelernt, sondern auch viele Erfahrungen über die Gesellschaft als solche gesammelt. Und auch wenn ich in Zukunft nicht mehr in der Politik sein sollte, halte ich meine Beobachtungen doch für dokumentierenswert. Insofern beschäftigt sich dieser Artikel nicht mit speziellen politischen Inhalten, sondern mit der Beziehung von Politikern und Bürgern im Zeitalter des Internets.

Ich kämpfe, seit ich in diesem Amt bin, unter Anderem auch dafür, das Bild des Politikers  zu ändern. Ich schrieb bereits darüber, dass ich finde, dass MENSCHEN Politik machen sollten. Politik sollte nahbar sein, durchsichtig, niedrigschwellig, vertrauensvoll. Mir war immer klar, dass das eine Utopie ist, aber ich dachte, ein kleines Stück davon kann man ja wenigstens durch Beispiel verwirklichen.
Ich hatte Politiker kritisiert, die nie persönlich auf Emails antworten. Die man nicht erreichen kann. Die nicht auf Kritik eingehen. Die immer in verdunkelten Autos rumfahren, nie Fremden zuhören und nichts Menschliches zeigen.

Seit ich selbst zu einer gewissen Bekanntheit gelangt bin, muss ich meine Erfahrungen hier teilen, weil ich plötzlich mehr Gründe dafür verstehe. Früher dachte ich, diese Politiker seien eitel, von sich eingenommen, weltfremd. Aber ich fürchte, es gibt gewichtigere Gründe.

Im Moment bekomme ich wahnsinnig viel Zuspruch und Unterstützung, weil es eine riesige Aufgabe ist, für eine große Partei zu sprechen, und sich vorher über so ziemlich alle Themengebiete informieren zu müssen, als hätte man sie mindestens zwei Semester studiert. Es wird von mir mitmal erwartet, dass ich Experte in jedem Bereich bin, in dem meine Partei etwas fordert und ich tue mein Bestes, um zu lernen und dem nach zu kommen. Dennoch bekomme ich viel Kritik. Das ist erstmal natürlich gut, weil ich auch die einbaue und daraus lerne. Ich dachte, so kann es funktionieren. Ich muss allerdings an dieser Stelle auch sagen, dass ich sehr viel Kritik bekomme, die – sagen wir – nicht konstruktiv ist. Was ich meine sind Beschimpfungen, Beleidigungen, Unterstellungen, Analysen meiner Psyche und soetwas. Sie sind in Emails, in Tweets, in den Kommentaren dieses Blogs. Ich lese das, denn es könnte ja was Berechtigtes darunter sein, es könnte ja ein hilfreicher Hinweis sein.
Ich erwische mich aber dabei, dass ich immer mehr einfach ungelesen lösche. Ich bekomme inzwischen keine Benachrichtigung über neue Kommentare mehr, obwohl ich früher jeden Kommentar hier aufmerksam gelesen habe.

Es scheint so zu sein, dass zu einer gewissem Bekanntheit ganz automatisch ein paar Leute mitgeliefert werden, die einen ohne Grund hassen, die beleidigen, die meinen, einen zu kennen und zu durchschauen, ohne einem je begegnet zu sein. Es ist völlig egal, was man tut, diese Personen sind immer da und sie sind laut. Und wenn man sie aufmerksam liest, verletzen sie einen einfach, ohne irgendwas Besseres zu hinterlassen.

Und natürlich gibt es auch die – weit weniger schlimmen – Kandidaten, die glauben, das man alles tun und alles richten kann. Sie wenden sich dann persönlich an einen mit einem Nachbarschaftsstreit oder mit einer problematischen Lebenslage und hoffen, dass man ihnen helfen kann. Irgendwann werden diese vereinzelten Anfragen zu einer Lawine, unter der man unterzugehen droht.

Und mitmal verstehe ich: Die Vorzimmermitarbeiter, die Emails vorsortieren, sind genau gegen soetwas gut. Sie sind der einzige Weg, wie Politiker überhaupt funktionsfähig bleiben können. Die verdunkelten Autofensterscheiben, der wenige persönliche Kontakt. Alles ergibt Sinn. Insofern müssen wir also vielleicht davon absehen, den Politikern allein die Schuld daran zu geben, dass sie sich mit zunehmender Karrierestufe immer weiter von der Bevölkerung distanzieren. Es ist vielmehr ein strukturielles Problem. Es besteht nicht nur eine Politikerverdrossenheit seitens der Bürger, es herrscht wohlmöglich in einigen Fällen einfach auch eine “Bürgerverdrossenheit” seitens der Politiker.

Von meinen Freunden bekomme ich in dieser Zeit immer wieder den Hinweis: Ignorier diese Penner einfach. Schaff dir ein dickes Fell an. Man braucht ein dickes Fell in der Politik.
Ein dickes Fell hat nun aber auch die Schattenseite, dass es isoliert. Also auch konstruktive Kritik abschirmt. Es macht weniger empfindlich und weltfremd. Das ist, was es mit sich führt. Je weiter ich mich selbst gegen Kontakt von anderen Menschen absperre, desto weniger repräsentativ wird die Gruppe, mit der ich mich umgebe.

Ist es also das? Steht der Politiker wirklich in dem Dilemma, nahbar, aber handlungsunfähig und psychisch belastet zu sein, oder aber produktiv, dafür unnahbar und kühl? Ist das eines der großen Probleme von flachen Hierarchien, Mitbestimmung? Bilden wir uns nur ein, dass es funktionieren könnte?

Ich bemerke, dass ich außerstande bin, etwas dagegen zu tun. Denn ich glaube, das Problem liegt darin, dass vielen nicht klar ist, dass ihre Äußerungen gelesen werden, und zwar von einem Menschen, und zwar von einem mit Gefühlen. Die meisten wissen es zwar, aber sie denken nicht weiter darüber nach. Sie sind neidisch, oder unzufrieden und sie machen ihren Emotionen Raum. Es sind möglicherweise sogar dieselben Menschen, die immer schimpfen: “Die da oben hören doch eh nicht auf uns”. Gleichzeitig sorgen sie aber selbst dafür, dass das so bleibt. Welcher Politiker würde schon auf jemanden hören, der ihn nur beleidigt? An diesem Kreislauf ist von beiden Seiten zu arbeiten. Politiker müssen nahbar werden. Aber mit dem Aufkommen des Internets, mit der neuen Vernetzung und der unmittelbaren Erreichbarkeit von Politikern, fällt auch dem Bürger ein größeres Maß an Verantwortung zu. Und die beinhaltet, drei Sekunden darüber nachzudenken, was sie schreiben und was das bringen wird, ehe sie es tun.

Es wird auch weiterhin genug Personen geben, die schreiben: “Die lügt doch nur”, “Die drückt auf die Tränendrüse” und so weiter. Ich sehe die Kommentare schon vor mir. Aber so lange ich in diesem Feld bleibe, werde ich mich jedenfalls nicht ändern. Ich werde mir keine “dickere Haut” zulegen, meine Haut ist dick genug. Ich werde meine Ohren nicht verschließen. Ich bin ein Experiment. Kann eine Gemeinschaft einen Politiker machen? Können wir die Politik dadurch verändern?

Es ist völlig utopisch und töricht und dumm. Aber ich könnte es mir jedenfalls nicht verzeihen, es nicht zumindest zu versuchen.