Dez 122011
 

“Man könnte meinen, wenn man Ziel eines medialen Hypes ist, würde gehört, was man zu sagen hat. Dem ist nicht so.”

Das habe ich eben getwittert und ich führe aus.

Zwischen meiner Wahl zur politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland am 15. März 2011 und dem 05. Oktober 2011 wollte mich niemand vor seiner Kamera sehen. Mehrfach hat Sebastian Nerz mich als Ersatz für sich für Interviews oder Talkshows angeboten, wenn er keine Zeit hatte. Es war aber immer so, dass man dann lieber ganz auf das Interview verzichtet hat. Warum wollte mich niemand sehen? Einige Journalisten hatten mir gesteckt, dass es daran läge, dass ich eine Frau bin und man lieber “den typischen Piraten” zeigen wolle; und der sei nunmal männlich.
Auch bei der Bundespressekonferenz am 05.10. wollte mich niemand haben. Das heißt, unsere Partei wollte mich schon dabei haben. Der stellvertretende Pressesprecher und Sebastian Nerz haben sich dafür eingesetzt, dass ich neben Sebastian und Andreas Baum als Dritte dort sitzen und für die Partei sprechen kann.
Nach diesem Auftritt ging es rund mit diversen Interviewanfragen, Portraits, Einladungen, Podiumsdiskussionen etc. Spätestens seit dem letzten Bundesparteitag kommen immer häufiger Artikel mit mir, in denen hochtrabende Worte wie “neuer Star”, “Hoffnung”, “Lichtgestalt” oder “die schöne Piratin” verwendet werden.

Eigentlich könnte man sich ja mal freuen. Erstens, welches kleine Mädchen hat nicht davon geträumt. Zweitens, wenn ich schon so viel interviewt und gefragt werde, dann kann ich ja ganz viele Ideen der Piraten erzählen, dann kann ich endlich Deutschland von meinen und unseren politischen Positionen überzeugen. Ich kann endlich vermitteln, dass Investitionen in Bildung für die Wirtschaft unumgänglich sind, auch wenn sie sich erst nach mehr als einer Legislaturperiode lohnen. Ich kann endlich sagen, dass transparent und demokratisch entwickelte Entscheidungen zwar langsamer fallen, dafür aber auch viel nachhaltiger sind. Ich kann endlich erklären, was liquide Demokratie ist und warum uns das Internet so viele neue Chancen zu einer besseren Gesellschaft bietet. Aber denkste.

Seien wir ehrlich. Meine Medienpräsenz besteht zu 80% aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbies, meine Art. Hach, wie hübsch und hach, wie erfrischend, heißt es da immer. Ja, ich bin für die Öffentlichkeit gerade eine angenehme Gestalt – jung, engagiert, weiblich. Aber wofür ich engagiert bin, warum ich in meinem Alter eine unentgeltliche 60-Stunden-Woche arbeite, was für eine Idee es ist, hinter der wir stehen, danach fragt man bestenfalls oberflächlich.

Ich habe einer Reporterin von der taz, die bei mir zuhause war, über eine halbe Stunde lang mein ideales Schulsystem vorgeführt. Ich habe erklärt, warum ein Kurssystem und individuelles Lernen immer wichtiger für die Entwicklung wird. In ihrem Artikel kam kein Wort darin vor. Dafür eine frei erfundene Geschichte, wie ich mal einen Bundesparteitag mit einer Episode von “My little pony” unterbrochen hätte.

Achja, nach einer Sache werde ich natürlich schon immer gefragt: Warum sind in der Piratenpartei eigentlich so wenig Frauen?
Jeder fragt mich das. In jedem Interview. Nur mich, nicht meine männlichen Kollegen.
Warum in der Piratenpartei so wenige Frauen sind? Weil in der Politik so wenige Frauen sind! Und noch weniger in Ämtern. Warum? Weil die Zeitungen über sie nur berichten, was sie an haben, oder Heldenstories mit ihnen machen, wie sie sich als Frau durchschlagen. Weil sie erst auf politischer Linie total versagen müssen, ehe man anfängt, über das Inhaltliche zu sprechen. Weil sie unweiblich sein müssen, weil man sonst über ihre Frisuren spricht. Deshalb!
Ich bin in der Piratenpartei nie Sexismus begegnet. Ich habe nicht an Sexismus geglaubt. Aber das hier ist er.

Natürlich ist das nicht nur ein Sexismus-Problem. Nein, es ist ein Auflagen-Problem. Medien sind Konsumgüter und befinden sich im Wettbewerb. Was sich am besten verkauft, wird gedruckt, oder gesendet. Ja, ja, das verstehe ich, und deshlab mache ich euch nicht mal persönlich einen Vorwurf, liebe Journalisten. Aber war es wirklich das, warum ihr Journalisten werden wolltet? Damals? Um bei einer neu aufkommenden politischen Bewegung, die überraschend viel Zulauf erfährt, über den Lippenstift der politischen Geschäftsführerin zu schreiben? Und nein, ehe hilfreiche Hinweise kommen: Ich werde mich nicht unauffälliger kleiden, oder mir die Haare kurz schneiden, oder mich nicht mehr schminken. Mich zu verbiegen, kann nicht die Antwort sein.

Ich hasse es schon, dass ich so weit im Vordergrund stehe, während jeder Pirat, der genau so viel arbeitet wie ich, oder noch mehr, nicht gesehen wird, nur weil er kein Amt hat. Ich hasse es schon, dass ich “Star” der Piraten genannt werde, weil das einfach falsch ist, weil ich kein Star bin, weil wir einfach zusammenarbeiten. Aber wenn ich schon so im Vordergrund stehe, hätte ich mir auch gewünscht, tatsächlich ein paar Worte sagen zu können. Nein, ich möchte keine Parteiwerbung machen, darum geht es mir nicht. Es geht darum, zu erklären, was im Moment möglicherweise falsch läuft. Ideen zu geben, was wir besser machen könnten. Chancen zu zeigen. Und es ist mir egal, wenn die Presse das dann kritisch kommentiert. Mir ist ein guter kritischer Artikel viel lieber, als zehn himmelhochlobende Artikel darüber, “wie schön diese Piratin ist”. Im Moment fühle ich mich wie eine Stumme, während alles über mich spricht. Mich gruselt der Gedanke am meisten, dass es natürlich nicht nur mir so geht, sondern vermutlich jeder medienwirksamen Gestalt. Das macht man sich nicht klar. Und diese Entwicklung ist nicht erfreulich. Ich wünschte, die Presse hätte die Möglichkeit, sich ein bisschen aus diesem Wettbewerbsding zu lösen und sich auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen – die Menschen aufklären, den Menschen Wissen bringen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Oliver Roscher, Manuel Bewarder, Hank Pellissier, Till Haase, Jan Tomsen und Petra Ahne und allen Journalisten bedanken, die zwar auch über meine Person geschrieben / gesprochen haben, aber mit mir auch über Inhalte gesprochen und diese auch ausführlich wiedergegeben haben.