Okt 192011
 

Ich bin sauer. Sauer, sauer, sauer, sauer, sauer. Und Mann ist das schwer, mich sauer zu machen. Da muss schon echt viel kommen. Echt viel kommt gerade über Twitter rein. Es ist keine Kritik an meiner Arbeit, auch nicht an meiner Person. Es ist eine seltsame, diffuse Kritik der durchbrochenen Schemata. Aber ich will am Anfang beginnen.

 

Ich twittere ja gerne diverses Zeug, das mir so einfällt. Das habe ich schon immer so gemacht, seit ich Twitter habe. Dazu ist der Dienst ja da. Zum Beispiel schrieb ich sowas:

Ab welchem prozentualen Verhältnis zwischen Medikamenten und Frühstück wird es eigentlich bedenklich?

Warum schreibe ich sowas? Weil es mein Twitteraccount ist und ich es kann. Das sehen andere nicht so, die meinen, dass mein Twitteraccount irgendwie politische Aussagen der Piratenpartei repräsentieren muss. Mir wird gar parteischädigendes Verhalten vorgeworfen, weil ich nicht ernst genug bin. “Es gibt so viele wichtige Themen”, schreibt man mir. Fefe wirft mir sogar vor, ich interessiere mich gar nicht für den Bundestrojaner, weil ich während der Aktuellen Stunde zu dem Thema zwischendurch auf einen Livestream der Proteste in Griechenland geschaltet und darüber getwittert habe.

Und was mich daran aufregt, ist nicht die Kritik. Was mich daran aufregt, ist, dass viele dieser Leute eigentlich Sympathisanten der Piratenziele sind, sie durch ein solches Verhalten aber kaputt schießen. Natürlich kann ich meinen Account zu einem reinen Politiker-Account machen, wo ich Dinge schreibe wie “Der Aufschwung kommt bei den Menschen an” (so retweetet von Kristina Schröder). Natürlich kann ich es lassen, darüber zu twittern, was ich mir ansehe, damit keiner das kritisiert. Ich brauche nicht zu schreiben, dass ich krank bin, oder überarbeitet, oder glücklich, oder mit meiner eigenen Partei nicht einverstanden. Aber da bleibt die ganze Transparenz, die ganze Offenheit und Lebendigkeit eben auf der Strecke.

Ich habe mir gerade anderthalb Stunden lang den Bundestag angehört, wo alte weiße Männer in Anzügen armwedelnd bekräftigt haben, alles richtig zu machen. Sie haben eine eigene Sprache erfunden für diese Art von Veranstaltung, das Politikersprech. Ja, ich finde diese Veranstaltungen ermüdend. Ermüdend, weil sie so vorhersehbar sind, weil sie so schal, so oberflächlich sind. Das sind keine Menschen, die da im Bundestag sitzen, das sind Rollen. Von den Menschen hinter den Rollen wissen wir in Wirklichkeit sehr wenig. Und das erwartet die Öffentlichkeit auch so. Aber das finde ich nicht gut!

Die Menschen haben aufgehört, der Politik zu vertrauen. “Die da oben tun doch eh nur, was sie wollen.” Wir leben doch in einer repräsentativen Demokratie, in der wir von Menschen vertreten werden wollen. Nicht von Erwartungshülsen. Wenn wir der Politik wieder vertrauen wollen, müssen wieder Menschen in die Politik kommen. Menschen mit Stärken und Schwächen, Menschen in Turnschuhen und Anzügen und Kleidern, Menschen mit Lieblingsmusik und komischer Mimik. Menschen mit Kindern, Menschen mit wenig Einkommen, Menschen mit Handycaps und Menschen mit Lernbereitschaft. Da sollen ganz normale Bürger rein, um andere ganz normale Bürger zu vertreten. Denn Kompetenz kommt nicht mit dem Anzug und geht nicht mit der Jeans. Expertise und Ehrlichkeit schließen sich nicht aus.

Der Politiker wird sich im Laufe der nächsten Zeit wandeln müssen, er wird zu mehr Offenheit finden müssen. Er wird mehr Gehör für seine Mitmenschen haben müssen und einfühlsamer sein. Das ist es, was viele “authentisch” nennen und fordern. Aber wie soll das umgesetzt werden, wenn wir einen Politiker auf seine Aussagen von vor 2 Jahren festnageln, ohne ihm die Chance zum Lernen zu lassen? Wie soll das gehen, wenn wir ihn dafür kritisieren, was er trägt oder was er sich anschaut? Die Offenheit eines Politikers erfordert auch von den Bürgern die Bereitschaft, zuzuhören, Fragen zu stellen und über Dinge hinwegzusehen, die mit politischen Prozessen nunmal nichts zu tun haben. Die Politik darf sich eben nicht immer so ernst nehmen, wie sie es jetzt tut. Sie muss lockerer mit sich selbst umgehen, das wird ihre Qualität verbessern.

Wenn mir jetzt also diese Entwicklungsskeptiker Tweets, DMs und Mails senden und mich kritisieren, dass ich als unbezahlte, junge, politisch engagierte Person nicht professionell genug auftrete, dann macht mich das wütend. Nicht für mich, sondern für alle, die mit mir um dieses Ideal streiten.

Und wenn meine Freunde sagen, ich müsse mir ein dickeres Fell zulegen – dann sage ich Nein! Ich will das nicht. Ich will weich bleiben, ich will weiter zuhören, ich will auf Kritik eingehen. Das macht für mich eben einen guten Poitiker aus. Und ich kann nur hoffen, dass die Gesellschaft sich das irgendwann genug wünscht, um mir auch die Möglichkeit zu geben, so zu sein.

 

Bis dahin danke ich dem Medium Internet für die Möglichkeit, mir den Frust von der Seele zu schreiben.

 

 

 

(P.S.: Dieser Beitrag wurde in zwei Minuten runtergeschrieben und nicht noch einmal gegengelesen. Weil ich euch vertraue. Lebt damit. ;) )