Es wurde also viel geschrieben, warum wir die Wahl in Niedersachsen verloren haben. Ich will dazu nichts schreiben. Ich will darüber schreiben, warum ich nicht unglücklich darüber bin, dass wir die Wahl in Niedersachsen verloren haben. Ich will darüber schreiben, warum ich jetzt mehr als zuvor will, dass wir gewinnen. Nicht eine Wahl. Sondern viel mehr.
Ich möchte etwas zur Situation der Piratenpartei schrieben, die viele kleine, aber auch einen ganz riesigen Fehler gemacht hat. Und warum ich trotzdem – jetzt mehr denn je – bereit bin, Blut und Wasser für diese Partei zu geben.
Warum gibt es die Piratenpartei?
Ich hatte an anderen Stellen schon einmal über die Bedeutung der Piratenpartei im größeren Rahmen geschrieben, aber ich will das hier noch einmal sehr kurz wiederholen, weil das für meine weiteren Ausführungen wichtig wird.
Als die Piratenpartei entstand, unterstelle ich, hatten wir keine Ahnung von den Dimensionen der auslösenden Bedingungen. In Wirklichkeit sind wir weit mehr als die Vertretung einer Bevölkerungsgruppe, die keine Vertreter in der Politik hat. Wir sind da, um ein entstandenes Loch zu kitten, zwischen Möglichkeiten und Realität der Demokratie.
Ähnlich wie sich die SPD gegründet im Zuge eines sozialen Prozesses, der mit der technischen Erfindung der Dampfmaschine begann (Industrialisierung, Entstehung der Arbeiterklasse, Arbeiterbewegung), hat sich auch die Piratenpartei im Zuge eines sozialen Prozesses gegründet, der mit der technischen Erfindung des Internets begann. Da das Internet uns erstmals die Möglichkeit bietet, theoretisch alle Menschen gleichzeitig nach ihrer Meinung zu befragen und beliebige Mengen an Information ohne Zeitverlust durch den Raum zu befördern, stehen wir in der Kommunikation, und damit auch in Gesellschaft und Politik, vor völlig neuen Bedingungen.
Knapp gesagt: Wenn heute jedes Kind Zugriff auf mehr Information hat, als Präsident Bill Clinton zu seiner Regierungszeit, dann müssen wir die Eigenständigkeit des Menschen neu bewerten.
Für mich war die Piratenpartei immer eine Partei, die im Kern gesagt hat: Der Mensch ist eigenständig. Er braucht keine Gängelung, um sein eigenes Umfeld aktiv und sinnvoll mitzugestalten. Er braucht dafür nur Freiheit, Beeinflussungsmöglichkeiten und Aufklärung, also Information. ALLE unsere Programmpunkte ließen sich für mich spielend daraus ableiten. Sei es jetzt modulare Bildung, Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder die Eigenverantwortlichkeit im Bereich von Rauschmitteln. Und ja, gerade das BGE gehört für mich mit seiner liberalen Komponente dazu: Wenn der Mensch selbstständig ist und wir Menschen vertrauen und bilden, dann müssen wir ihn nur mit minimaler finanzieller Unabhängigkeit ausstatten, damit er sinnvoll für die Gesellschaft aktiv wird. Das ist das Menschenbild, das hinter der Piratenpartei steht. Das ist das Menschenbild, das sich aufdrängt, wenn man sich die Entwicklungen im Internet ansieht. Crowdfunding, Wikipedia, internationale vernetzte Protestaktionen, Open Source – all das sind Ausprägungen, die zeigen, dass Menschen nicht etwa schlecht sind – sondern bei ausreichender Kommunikation und Information auch ohne großen Eigennutz aktiv ihre Umgebung gestalten und großartige Projekte erfinden und fördern.
Streit
So weit, so genial. Wir haben hier eine Partei, hinter deren Idee ich voll und ganz stehen kann, für die ich mich in tausend Messer werfen würde. Zur Zeit denken aber viele Mitglieder nicht so und etwas läuft schief. Was?
Erstmal ist dort der sinnloseste Streit, seit es Flügel gibt. „Kernis gegen Vollis“, oder wie auch immer das gerade heißt. Die einen meinen: „Wir sind mit bestimmten Themen angetreten, mit denen wir uns auskennen und die uns wichtig sind. Die müssen wir fördern und die Themen darüber hinaus behandeln die anderen Parteien.“ Die anderen sagen: „Wir sind eine Partei und man wird von uns erwarten, dass wir zu allen Themen abstimmen, also müssen wir auch überall Beschlüsse haben.“
Und wenn ihr Lieben euch, statt euch Namen für die Fraktionen zu überlegen und euch auf Twitter zu hauen, an einen Tisch setzt, stellt ihr fest, dass ihr beide völlig recht habt, ohne dass sich das widerspricht.
Die Gesellschaft stellt zwei Fragen: Erstens, wofür steht die Piratenpartei? Und zweitens, wie steht die Piratenpartei zu Thema XY?
Wir haben den Fehler gemacht , beides aufs Krasseste zu vermischen (ich nehme mich da nicht aus) und haben immer wieder öffentlich gesagt: „Die Piratenpartei steht für mehr demokratische Partizipation, Bürgerrechte, bessere Bildung, bedingungsloses Grundeinkommen, fahrscheinlosen Nahverkehr, moderne Familienpolitik……“ Oder noch schlimmer: „Wofür die Piratenpartei steht, können Sie auf www.kein-programm.de nachlesen.“
Nö, dem ist einfach nicht so. Das ist nicht, wofür die Piratenpartei steht. Das ist, wofür sich ihre Mandatsträger einsetzen werden, sollten sie in dieses oder jenes Parlament kommen. Und vor diesen konkreten Wahlen brauchen die Wähler und Kandidaten diese konkreten Informationen. Aber eigentlich steht die Piratenpartei als Ganzes für eine grundlegende Idee. Für ein Menschenbild. Für ein Gesellschaftsbild. Nur darum waren wir in der Lage, eine Zukunftsvision zu formulieren, davon, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Eine Gesellschaft, wo jeder selbstständig Entscheidungen trifft, wo Information frei und teilbar ist, wo sich niemand über „die da oben“ beschweren muss. Und für diese Gesellschaftsvision wurden wir gewählt! Nicht nur, weil sie so gut ankam, weil sie nunmal zeitgemäß ist, weil wir so oder so darauf zusteuern, wenn uns keine Steine in den Weg gelegt werden. Sondern vor allem, weil wir seit langer Zeit wieder als eine Partei eine Zukunftsversion überhaupt formuliert haben. Weil wir über den Tellerrand des alltäglichen politischen Klein-Klein hinaus zu schauen gewagt haben.
Und was ist dann passiert? Dann kamen Journalisten und haben gesagt: „Ihre Vision ist ja gut und schön, aber was sagen Sie denn zur Eurokrise? Wir können doch keine Partei ernst nehmen, die keine Antwort auf die Eurokrise hat!“ Und wir standen da, im Licht dieser Scheinwerfer, mit tausend Mikrofonen in der Fresse, und sagten: „Äh… äh… dazu haben wir noch keinen Beschluss“. Und dann sind wir heim gerannt und sagten: „Wir müssen jetzt dringend was zur Eurokrise beschließen, sonst sind wir nicht ernst zu nehmen!“ Und dann fingen wir an, uns in diesem winzigen Hick-Hack zu verstricken, in dieser gleichen Suppe, in der auch die anderen Parteien gefangen sind. Obwohl die Eurokrise, wenn wir in ferner Zukunft mal unsere Visionen umsetzen können, schon Geschichte sein wird. Obwohl wir im Moment sowieso keinen Einfluss darauf nehmen wollen. Weil das nicht ist, wofür wir stehen oder was wir zu sagen haben oder was die Menschen im Moment brauchen. Lasst die Krise jene lösen, die sie verursacht haben. Aber wir brauchen doch als Gesellschaft etwas, wo wir hin leben wollen! Wir können nicht dauernd in der Öffentlichkeit stehen und über Dinge reden, von denen wir eigentlich wenig Ahnung haben und die auch gar nicht unser Punkt sind. Wir haben uns in diese Rolle drängen lassen, weil Journalisten eben nach den alten Regeln spielen (müssen!) und wir doch die neuen Regeln etablieren wollen. Ist ein Streit über Nichtraucherschutz in zweiräumigen Kneipen wirklich so furchtbar relevant, wenn wir am Anfang einer friedlichen gesellschaftlichen Revolution stehen? Ja, für unsere Landtagsabgeordneten ist er relevant. Die sollen den auch ausfechten, gemeinsam mit allen, die sich ebenfalls dafür interessieren. Aber wir müssen doch als Partei keine Kriege auf Twitter darüber führen! Wir sind zusammen gekommen, weil uns viel Wichtigeres verbindet. Aus diesem Wichtigeren lassen sich letztlich in allen Themenbereichen Positionen ableiten. Je einiger wir uns über den Kern unserer Philosophie sind, desto leichter.
Ebenso bedeutet aber auch der Einsatz für Kernthemen nicht, dass man zu jeder Aussage eines CDU-Politikers zur Vorratsdatenspeicherung alarmistische PMs schreibt, weil es der Untergang des Abendlandes ist, wenn die CDU was Konservatives sagt. Es geht darum, das große Bild im Kopf zu behalten und immer wieder in der Öffentlichkeit genau davon zu erzählen. Wenn wir die Vision vermitteln, werden sich auch viele Bürger außerhalb der Piratenpartei um die Details kümmern und verstehen. Wir verkaufen nur die Details, in dem eitlen Glauben, dass alle die Idee dahinter ja kennen müssen.
Punkt ist, dass uns als Partei keine Zeit gegeben wurde, gesund zu wachsen und uns zu entwickeln. Wir waren wie ein Kind, das plötzlich Verantwortung für den ganzen Haushalt und die Familie tragen musste, ohne auch nur seine Pubertät abgeschlossen zu haben. Wir ließen uns vom Erfolg treiben. Und wir haben dabei versagt. Eigentlich hätten wir mehr Zeit gebraucht, unsere eigene Vision zu verstehen. Und zu verstehen, dass die meisten dieser Grabenkämpfe überflüssig sind. Und einige Grabenkämpfe hätten wir noch austragen müssen. Aber nicht auf der großen Bühne, die erwartet, dass das Produkt „Idee der Piratenpartei“ schon fertig ist. Sondern vorher. Jetzt haben wir den Schlamassel. Aber das ist alles nichts, was man nicht überwinden könnte. Ja, wir sind ein Kind, das zu viel Verantwortung trägt. Aber Himmel, solche Kinder gibt es und aus ihnen sind auch schon recht gute Erwachsene geworden. Wir müssen uns jetzt aktiv die Zeit erkämpfen, die wir brauchen, um einige unserer grundlegenden Prinzipien und Ziele zu verstehen. Für mich persönlich war das der Grund, nicht für den Bundestag zu kandidieren. Ich sehe mich dort noch nicht und ich lasse mich nicht von Erfolg hinein treiben.
Wie gesagt, das ist alles überwind- und ausräumbar. Es gibt aber eine große Stelle, wo wir kapital versagt haben bisher.
Wir haben gelogen
Mein letzter Punkt ist der verdammt noch mal Wichtigste in allen unseren Fehltritten. Die Skepsis über die Piratenpartei und die Demokratie insgesamt haben wir am weitesten mitgeschürt.
Rund um die Wahl in Berlin haben wir überall verkündet: Wir sind die Partei, bei der ihr mitmachen könnt! Wir sind die Partei, bei der eure Ideen nach vorne kommen, wenn sie nur gut genug sind! Wir sind die Partei, die euer Adapter zur Politik ist. Daraufhin sind massenhaft Leute eingetreten. Junge, engagierte Leute. Leute, die uns geglaubt haben und die angefangen haben, zu arbeiten. Kurz nach der Berlin-Wahl hatte niemand Zeit für sie, alle waren ausgelastet mit dem neuen Erfolg. Sie haben sich selbst eingearbeitet in unsere Themen und Strukturen. Sie haben sich ein Wiki-Profil erstellt, gelernt mit Etherpad, Mumble, LiquidFeedback etc. umzugehen. Sie haben gelernt, wie ein Kreisverband funktioniert, was im Parteigesetz steht, wie eine Versammlung zu leiten ist. Sie haben sich in Gruppen zusammengesetzt, ihr Wissen vernetzt und monatelang Anträge ausgearbeitet, geschrieben, beworben und verbreitet. Sie haben völlig unentgeltlich Wochen und Monate ihres Lebens dieser Partei geschenkt und dabei teilweise sehr kluge, neuartige Programmänderungsanträge entwickelt, die im LiquidFeedback mit großem Erfolg abgeschnitten haben. Sie haben über achthundert Anträge vorgelegt. Alles Produkte geleisteter Arbeit. Und dann kam der Bundesparteitag und wir haben einen winzigen Bruchteil davon überhaupt behandelt. Weil wir keine Zeit hatten.
Wir haben sie alle angelogen. Dass wir die Partei mit dem durchlässigen System sind. Das stimmt einfach nicht! Wir haben kein verbindliches durchlässiges System, das die guten Anträge rausfiltert. Wir arbeiten vielleicht daran. Aber wir haben es nicht. Wir haben das alte System von Bundesparteitagen und die funktionieren sogar schlechter, als bei anderen Parteien. Wir müssen einer Cornelia Otto, die als überaus clevere und gebildete Frau wahnsinnig gute Anträge schreibt, die sich in LiquidFeedback auch riesiger Beliebtheit erfreuen, erklären, dass ihre Arbeit umsonst war, weil wir nicht den Mut haben, ein neues demokratisches System auszuprobieren. Obwohl wir es versprochen haben. Wir sind zu feig. Und wir wollen vorne in dieser gesellschaftlichen Revolution sein?
Wenn wir das ernst meinen mit der neuen Vision, mit neuen, klugen Systemen, wie wir eine individuelle Meinung in einen Gestaltungsprozess einbringen, dann müssen wir auch Mut haben, genau das auszuprobieren. Anstatt von Wahl zu Wahl zu denken und nicht mehr den Mund aufzumachen, weil man einen Fehler machen könnte.
Ich widerspreche nicht einmal den Leuten, die – wie Sebastian Nerz – sagen, dass es ihnen wichtig ist, dass wir im Rahmen der demokratischen Prinzipien bleiben. Ich sage nur, liebe Leute wie Sebastian Nerz, helft uns verdammt noch mal, unsere neuen Systeme nach diesen Prinzipien zu gestalten. Anstatt zu sagen: „Es gibt keine technische Lösung dafür“, die Händchen hilflos zu falten und PMs in vorsichtigem Politiker-Sprech zu verfassen, um nichts Falsches zu sagen.
Piraten, wenn wir eine bürgerliche, vorsichtige Partei wären, hießen wir nicht Piraten. Weil dieser Parteiname scheiße ist und irgendwie kindisch und naiv und gegen alles steht, was die bürgerliche Mitte will. Aber er ist mutig und erfolgreich. Der Name Piratenpartei ist so, wie die Piratenpartei sein sollte. Sagt öfter: „Scheiß drauf“.
Wenn Journalisten fordern, dass wir doch mal entscheiden müssen, ob die Eier gestempelt werden müssen, müssen wir sagen: „Scheiß drauf“. Wenn irgendein Wahlanalyseexperte verkündet, dass die Piraten zu unorthodox sind, um erfolgreich zu sein, müssen wir sagen: „Scheiß drauf“.
Aber: Wenn gute Leute in uns Arbeit investieren, weil wir ihnen versprochen haben, dass dank unseres klugen Systems die gute Arbeit Früchte trägt, dann dürfen wir nicht sagen: „Scheiß drauf“. Wenn sich rund um die Welt kluge Köpfe zusammen setzen und überlegen, wie man Menschen im Internet authentifizieren kann, damit sie abstimmen können, ohne ihr Recht auf geheime Abstimmung zu beschneiden, dann dürfen wir nicht sagen: „Scheiß drauf“. Das müssen wir fördern! Und das muss ein Markus Barenhoff genauso fördern, wie ein Sebastian Nerz. Beide auf ihre Weise. Markus mit seinem Mut und Sebastian mit seiner Vorsicht und wichtigen Einwänden. Wir müssen uns endlich darauf zurückbesinnen, was wir damals eigentlich wollten. Warum wir uns eigentlich in dieser Form zusammen getan haben.
Ich bin nicht traurig darüber, dass wir die Wahl in Niedersachsen verloren haben. Und ich war irgendwie noch nie so motiviert, in diese Partei zu investieren. Wir brauchen diesen Moment, um ein- und auszuatmen. Um in uns zu gehen. Unsere Vision zu formulieren. Und daran fest zu halten.
Freiheit. Demokratie. Information.
Es wurde also viel geschrieben, warum wir die Wahl in Niedersachsen verloren haben. Ich will dazu nichts schreiben. Ich will darüber schreiben, warum ich nicht unglücklich darüber bin, dass wir...